Wenn ich ein Buch finde, mit dem ich auch auf der letzten Seite noch befreundet sein möchte
— (wusstet Ihr, dass alles, was wir betrachten – oder lesen -, auch zurückschaut, in eine Kommunikation geht und durch fortwährendes Angestarrt-Werden ermüden, grantig werden und regelrecht verblassen kann? Ich wusste es nicht, und es ist eine mögliche Erklärung dafür, warum Kunstwerke in Museen, gerade die berühmtesten Bilder, Skulpturen und eben auch Bücher, manchmal scheinbar ihre Kraft verloren haben)–
also, wenn ein Buch und ich gute Freund*innen geworden sind, dann erlaubt es mir manchmal, aus ihm*ihr abzuschreiben. So habe ich viele Bereicherungen gesammelt, und hier ist ein guter Ort für sie.
Eine Bibliothek der Lieblingsstellen.
09.10.24
Uwe Timm „Alle meine Geister“: Ich las und las und las.
Uwe Timm „Alle meine Geister“ Kap 43/44
Diese Geschichte berührte mich so:
Ein abgerissener Mann steht im Meer und sprechsingt ein georgisches Heldenepos. Im Meer, weil sonst sein Herz verbrennt.
Einen Abend später singt er in einem Raum für 200 teils sehr alte Georgier, die zu weinen beginnen und mit ihren Tränen sein Herz vor dem Verbrennen schützen
Uwe Timm „Alle meine Geister“ Kap 31
Zitat: „Ich wollte eine Schneise schlagen zwischen dem bisherigen auf Verdienst ausgerichteten zerstreut-geselligen Leben und dem anderen, gewünschten, dem Leben des genauen Wahrnehmens, des Studiums und der Aufmerksamkeit, die, wie Nicolas Malebranche sagt, das natürliche Gebet der Seele sei, um in Wahrheit mit ihr zu leben.“
Uwe Timm Kap 17:
„Ein Gegenraum zum Gewohnten“: Gedanken zu verschiedenen Realitäten
10.3.2024
Tom Cowan „Yearning for the Wind„
Tom Cowan und mein Lehrer Carlo Zumstein waren Suchende und Findende (Carlo Zumstein erzählt von seiner Suche schon in jungen Jahren in seinem Buch „Reise hinter die Finsternis„). Ausgehend von der Foundation of Shamanic Studies (begründet von dem amerikanischen Anthropologen Michael Harner) haben sie später ihre eigenen Pfade gesucht, Fährten gelegt, Zumstein wandte sich den energetischen Aspekten der schamanischen Praxis und Weltsicht zu, Cowan vertiefte sich in die keltischen Wurzeln unserer spirituellen Tradition..
Hierzu gibt es viel im Internet, ebenso auch in den Buchläden. Und auch Kritik gibt es reichlich. Die nachdenklichen Einwände sind oft sehr spannend, der Rest kann getrost seiner Wege gehen.
Mich berühren Cowan’s Bilder, seine Phantasie, die in seinen Geschichten Platz nimmt, seine Verwurzelung – im wahrsten Sinne des Wortes – im Boden, in der Erde, sein respektvoller Umgang mit den alten keltischen Mythen, die er sehr sehr behutsam in seine – und unsere – heutige Welt eingewoben hat.
„Yearning for the Wind“ spricht mit mir, auch, weil ich den Wind liebe und brauche, ich kann stillstehende Luft schwer ertragen.
Tom: „When the world knocks our souls off center and frightens us, we may try to save ourselves by pulling our souls ever tighter around our lives in the mistaken belief that to cut ourselves off from the world will preserve our connection to Life itself. But such withdrawal is ultimately self-defeatlng because the soul cannot hide in the body or its shadow. The soul is expansive and wants to reach outward, even through fear, so that it will grow in wisdom and truth. But to reach out to the world is not the same as embracing it. We must be in the world but not of it. At times, we must oppose it.„
Kap 18
Ich: Das Buch ist 2003 im Verlag New World Library erschienen und trifft jetzt, heute, genau den Ort, wo so viele, auch ich, auf der Suche sind. Es zeigt keinen Weg, macht keine Vorschläge und schreibt nichts vor, sondern für mich beleuchtet es, was und wie ich bin: Jetzt gerade in großer Versuchung, mich zurückzuziehen, zu verstecken, die Augen und Ohren zuzuhalten. Wie viele Menschen sagen, sie hörten keine Nachrichten, läsen keine Zeitungen mehr, es sei ja nicht auszuhalten. Und dann diese Sätze – ich wiederhole sie noch einmal, weil sie es so verdienen: „But to reach out to the world is not the same as embracing it. We must be in the world but not of it. At times, we must oppose it.„
In der Welt, nicht von der Welt. Manchmal im Widerstand. Aber mich abzuwenden ist keine Option, auch wenn ich mich gerade derartig nach Stille und Frieden sehne.
Tom: „In such moments, something in us wakes up and we discover that our souls are not tucked away neatly inside our bodies or our minds. It is precisely the other way around.
My body and mind are folded into my soul, which brings to me, through my senses, knowledge of the oneness of all created things.“
Kap 22
Ich: Diese Worte schlugen mich an, als wäre ich eine Klangschale, ich konnte gar nicht mehr aufhören, mich zu freuen. Körper und Geist eingefaltet in meine Seele, Seele außen, KörperGeist innen; wie groß und weit ein Wesen eigentlich ist! Und wie verbunden mit Allem, denn über die Seelen berühren doch alle Wesen einander in ihrer reinen Essenz.
Hervorhebungen wie immer von mir.
Uwe Timm „Alle meine Geister“ Kap 43/44
27.2.24
Ein abgerissener Mann steht im Meer und sprechsingt ein georgisches Heldenepos. Im Meer, weil sonst sein Herz verbrennt.
Einen Abend später singt er in einem Raum für 200 teils sehr alte Georgier, die zu weinen beginnen und mit ihren Tränen sein Herz vor dem Verbrennen schützen
Uwe Timm „Alle meine Geister“ Kap 31
Uwe Timm will „eine Schneise schlagen“ zwischen dem „bisherigen auf Verdienst ausgerichteten zerstreut-geselligen Leben“ und dem anderen, welches er sich so wünscht, dem „Leben des genauen Wahrnehmens, des Studiums und der Aufmerksamkeit, die, wie Nicolas Malebranche sagt, das natürliche Gebet der Seele sei, um in Wahrheit mit ihr zu leben“.
14.2.24
Kim de l’Horizon Blutbuch S. 247/248
Kim: „Ich habe, Großmeer, dieses Schreiben mit der Absicht begonnen, an einem Heilzauber zu wirken, an einem kleinen Wirken zu hexen; den wundlosen Schmerzen eine Wunde zu geben; dem Verschwundenen, dem Überwundenen-aber nicht Vergangenen – einen Mund zu geben, ein „und „, ein „es-war-so-und-ich-lebe“, „die-Irma-ist-verschwunden-und-sie-ist-jetzt-hier“. Ich begann diese Texte mit der Absicht, mit ihnen einen Hexenkessel zu bauen, der verschiedenste care- magic enthält. Ich wollte heilen, ohne ein „Heil“ anzustreben, ohne eine ursprüngliche Ganzheit, eine Reinheit zu suchen. Vielleicht ist „Heilung“ das falsche Wort, vielleicht geht es um eine Vernarbung; darum, dass das Gewebe eigene, neue, sichtbare Nähte knüpft. Denn ich will nicht, dass das Gewebe spurlos zusammenwächst. Dass das, was fehlt, ohne Fehlen verschwindet. Ich strebe keinen Punkt an, der einen Satz abschließt, sondern ein Semikolon, das sagt: „Hier ist eine Grenze, aber es geht weiter“, das den Satz weiter fließen und doch zwischen seinen zwei Zeichen eine leere Stelle lässt; ich möchte diese schmale Spirale, auf der ich mich um das Loch im Zentrum bewege, weiterführen.
Schreiben ist für Derrida pharmakeia, Pharmazie: das Verwalten eines Pharmakon, einer Substanz, die sowohl Gift, Droge, bösartig sein kann als auch ein Heilmittel, eine Arznei, heilsam. Pharmakeia ist aber ebenso – das habe ich kürzlich herausgefunden – ein altes Wort für „Hexerei“, für das Praktizieren mit Stoffen, die beides können: Wunden schlagen und heilen. Es ist alles verknüpft, Großmeer, untrennbar, und doch ist der Faden der Hexerei zerschnitten, und wir müssen ihn neu aufnehmen und von den Toten lernen; zuhören, hexen, schreiben, um den Baum mit den gestohlenen Penissen tanzen, fabulieren, weben. Wir müssen Netze knüpfen, die uns in der Welt halten: in dieser, in eurer und in jenen, die noch möglich sein können.„
Ich: Die Hervorhebungen sind von mir.
Ich möchte und kann nicht beschreiben, wie mich das Buch mit diesen Sätzen bewegt und getroffen hat. Kim, bitte verzeihen Sie, dass ich so ausführlich zitiere –
S. 132/133
Kim: „Trauma nennt die Altgriechin ihre Wunde. Eine Wunde kann vieles sein, eine Beschädigung, aber auch zerrissenes Gewebe, etwas Entzweigerissenes. Gewebe, das zusammengehört, klafft auseinander. Ein Trauma zu vererben, bedeutet also, ein Auseinandergerissensein, ein Nichtverbundensein weiterzugeben, ein Fehlen von Gewebe.“
Ich: Wir sind die Generation mit den schweigenden Eltern und Großeltern, die uns, statt zu sprechen, ihre Traumata vererbt haben.
Wir müssen uns Mühe geben, mit unseren Kindern und Enkeln, der Generation Z, einen anderen, gemeinsamen Weg zu finden, um unser heutiges maßloses Versagen zu bewältigen.
